Wenn Figuren das Ruder übernehmen – Wie ich beim Schreiben die Kontrolle verlor und warum das gut ist
Manchmal passiert beim Schreiben etwas Seltsames: Du hast einen klaren Plan, kennst deine Figuren in- und auswendig. Haarfarbe, Alter, Hobbies, peinlichen dritten Vornamen …,Du weißt genau, welchen Verlauf deine Geschichte nehmen soll, wer sich wie zu verhalten hat und auch wann in welcher Situation. Dann fängst du an zu schreiben und alles läuft gut. Bis zu dem einen Punkt, an dem plötzlich nichts mehr nach Plan läuft. Plötzlich fehlen Figuren an wichtigen Orten oder sind körperlich da, aber geistig abwesend, ganz wie in der Schule in der 6. Stunde damals. Oder Nebenfiguren schieben sich ins Rampenlicht, übernehmen unerwartet die Handlung, bringen deine Story durcheinander und stehlen anderen Figuren, erst die Show und dann die Liebe ihres Lebens. Kommt dir das bekannt vor? Mir passiert das seit Jahren immer wieder.
Figuren mit eigenem Willen: Beispiele aus meinen Romanen
In meinem Fantasyroman Hüter hatte Ruby, eine meiner Figuren, den Auftrag einen Botendienst zu übernehmen. Geplant war, dass sie ein Artefakt, dass sie zuvor Gregor, einem anderen Hüter, erhalten hatte, eigentlich nur geliehen, an einen Kardinal abgeben und ihn so korrumpieren sollte. Mir selbst erschien alles total logisch und durchführbar. Allerdings sah Ruby das etwas anders und fiel spektakulär in Ohnmacht ehe sie das gute Stück weiterreichen konnte.
Tja… Blöd gelaufen, äh.. geschrieben. Also von mir, für mich. Allerdings kann ich Rubys Reaktion nachvollziehen. Im Kapitel davor hatten die anderen sie nämlich im Nebel mitten auf einem zugefrorenen Fluss verloren. Dort hatte sie dann stundenlang ausgeharrt und die Nerven bewahrt, während um sie herum Monster und der sichere Tod durch den Nebel schlichen. Dass man dann, wenn man in Sicherheit ist etwas die Nerven verliert liegt nahe und Ruby tat was getan werden musste und gab die Handlung ab.
Dachte ich erst. Doch dann gelang es mir Ruby immer noch als Botin einzusetzen. Nur dass sie dieses Mal das Artefakt nicht übergab. Sondern sie verlor es. Und der besagte zu korrumpierende Kardinal? Pflückte es von den schönen Marmorfliesen auf. Handlung gerettet.
Ein anderes Beispiel ist Charlotte. Eigentlich war sie lediglich als Nebenfigur und Freundin der Hauptfigur in meinem ersten Roman geplant. Doch dann entwickelte sie sich zur Hauptfigur, verliebte sich in den männlichen Hauptcharakter. Womit sie ihrer Freundin nicht nur in den Rücken fiel, sondern auch die ganze Planung über den Haufen warf. Und das mit Folgen. Denn, wer so Divenmäßig drauf ist, dem reicht ein Band nicht zur vollen Entfaltung. Statt einem Roman konnte ich prompt drei schreiben. Auch das war Anfangs nicht geplant.
Schreiben heißt auch loslassen
Okay, solche unvorhergesehenen Wendungen sind enorm frustrierend. Und sie kosten Zeit. Aber um ehrlich zu sein, in vielen Fällen sind sie auch das Herzstück lebendiger Figuren und Geschichten. Figuren können nämlich nur dann das Ruder übernehmen, wenn sie voll ausgebildet sind. Also über eine realistische Hintergrundgeschichte, Gefühle, Charakter, Licht und Schatten verfügen. Denn all das macht eine Persönlichkeit aus. Egal, ob diese nun menschlicher oder literarischer Natur sein mag. Und realistische Figuren wiederum machen gute Geschichten aus. Schließlich ist ihr Verhalten, sind ihre Handlungen für die Leser nachvollziehbar, sie sind sympathisch. Was wiederum eine Geschichte lesenswert und gut macht. Was genau das ist, was man als Autor doch will.
Ergo kann man sagen, Figuren, die kompliziert sind, die das Ruder übernehmen sind erfolgreich.
Schön und gut, aber wie geht man nun damit um, wenn die Figuren tun was sie wollen?
Nun, zum einen ist es nicht immer so, dass alle Figuren derart rücksichtslos sind wie Charlotte. Mit einigen von ihnen kann man diskutieren und zu einem Kompromiss kommen. Wie in der Situation mit Ruby. Meine Vorstellung war sie soll der Bote sein. Sie hat sich geweigert, bzw. sie konnte nicht mehr. Was man ihr nachsehen kann. Doch wir haben einen Weg gefunden, in dem sie umkippen kann, Hilfe bekommt und dabei, ganz nebenbei zur Botin wird. Ziel erreicht.
Natürlich kann man als Autor auch einfach sagen: Mir doch egal, was die Figur will.Man kann sich radikal an die Planung halten und durchziehen was man für die Szene für die Figur vorgesehen hat. Zugegeben, ich kann das nicht, aber ich bin sicher, es gibt solche Autoren da draußen. Allerdings, besonders in meinem Fall, laufe ich dann Gefahr, dass die Szenen hölzern werden, die Figuren sich unauthentisch anfühlen und man so am Ende Leser*innen verärgert und verliert, wenn es nicht gut gemacht ist.
Die Alternative dazu in meinem Fall ist, den Figuren Spielraum zu lassen. Neue Wege zu finden und auch die Planung abzuändern oder ganz zu verwerfen.
Ein kreativer Prozess, der Mut und Flexibilität erfordert.
Wie ich mit Kontrollverlust umgehe
Generell bin ich ein Pantser. Also jemand, der aus dem Bauch herausschreibt. Das hat den Vorteil, dass ich selbst null Ahnung habe wohin die Geschichte mich treibt, dass es immer spannend ist und ich keine Pläne über Bord werfen muss.
Der Nachteil ist: ich habe keine Ahnung, wohin die Geschichte mich treibt, was dazu führt, dass ich teilweise Kapitel schreibe, die die Handlung nicht voranbringen und ich so wertvolle Zeit und Kraft verliere und hinterher viel überarbeiten muss.
Gerade am Anfang meiner Schriftstellerkarriere habe ich das so gehandhabt. Inzwischen bin ich ein Mittelding zwischen einem Pantser und einem Plotter. Ich schreibe nicht mehr einfach so drauflos, sondern ehe ich beginne habe ich bereits eine grobe, sehr grobe, Struktur im Kopf. Der Verlauf, den die Geschichte nehmen soll. Ich vergleiche es gern mit einem Liniennetzplan für Straßenbahnen oder Zügen. Wenn man so einen Plan vor sich hat, sieht man den Verlauf der einzelnen Bahnlinien und die Haltestellen, an denen sie halten. Genau so sieht meine Planung auch aus. Es gibt eine Linie, an der entlang sich Haltestellen / Stationen aufreihen, die von den Figuren angelaufen werden müssen. Wann sie an diese Station kommen, wie sie dahin kommen, was sie auf dem Weg sehen und erleben, das ist nicht geplant. So habe ich trotz eines festen Ablaufes noch genug Freiheit und Flexibilität, um den Figuren Spielraum zu geben. Auf die Art und Weise kann ich den Wildwuchs begrenzen ohne dass die Figuren sich unecht anfühlen.
Fazit: Kontrolle loslassen lohnt sich
Kontrollverlust beim Schreiben ist unangenehm, aber oft ein Zeichen dafür, dass deine Figuren lebendig geworden sind. Sie fordern Authentizität ein und bringen Tiefe in deine Geschichte. Lass sie zu Wort kommen, sei flexibel und mutig, auch wenn es bedeutet, Pläne zu ändern.
Das war es von mir heute. Ich hoffe euch hat es gefallen. Wenn das der Fall ist, dann sagt das doch euren Figuren, empfiehlt diesen Blog euren Figuren, euren Autorenfreunden und Schreibbuddies, allen die es hören wollen oder nicht. Oder Leuten, die euch in der letzten Wochen überrascht haben.
Ansonsten lesen wir uns in einem Monat wieder, wenn der nächste Artikel veröffentlicht wird. Bis dahin, passt auf euch auf und wir lesen uns.