Tischlein deck dich!

Nachdem der Vater ihn des Hauses verwiesen und die Ziege seinem Sohn vorgezogen hatte, zog der älteste Sohn mutterseelenallein durch die Lande. Lange Zeit lief er so umher, fragte jeden nach Arbeit, nach Brot, doch überall wurde er abgewiesen, bis er eines Tages auf einen Schneider traf. Dieser war der einzige Schneider in einem kleinen Dorf und da er viel Arbeit hatte und keine Hilfe, nahm er den jungen Mann als Lehrling auf. Drei Jahre diente der junge Mann bei ihm und wie seine Lehrzeit zum Ende kam, nahm ihn der Meister beiseite und sprach: „Hör, mein Junge, nun, da du aus meinen Diensten entlassen wirst, ist mir das Herz schwer. Ich weiß, du willst zu deinem Vater zurückkehren und das ist recht und billig. Aber lass mich dir zum Abschied etwas schenken, dass dir draußen in der Fremde von Nutzen sein und dich an mich erinnern wird.“

Hierbei zog er ein kleines Tischchen heran, das dem ältesten Sohn wohl bekannt war. An hohen Festtagen und zu besonderen Gelegenheiten hatten er und der Meister daran gespeist. Immer waren die dort eingenommenen Mahlzeiten zwar einfach, aber dennoch so gut bereitet, so gut abgeschmeckt gewesen und in kostbarem Silbergeschirr serviert, dass sie wohl auch einem reicheren Herrn gut gemundet hätten. Mehrere Male hatte der älteste Sohn seinen Meister gefragt, woher die köstlichen Essgeräte und Sachen kämen, wer sie für sie zubereitet hätte, denn nie hatte er eine Köchin oder eine Magd gesehen. Der Meister und er versahen Haus und Hof selbst. Doch egal wie oft oder wie drängend er fragte, nie hatte er eine Antwort erhalten. Dennoch stand an jedem Festtag der reich gedeckte, schön anzusehende Tisch bereit. Und nun schob der Meister seinem Schüler das Tischchen zu und machte dabei eine so geheimnisvolle Miene, dass der junge Mann lachen musste.

„Meister“, fragte er, „was soll ich denn mit einem Tisch? Wären Nadel, Faden und Stoff nicht eine bessere Aussteuer für den Start in mein Berufsleben als Schneider?“

„Nadel und Faden“, erwiderte der Meister, „kannst du dir überall kaufen. Einen solchen Tisch aber nicht. Ich bitte dich, nimm ihn an dich. Wenn du auf deiner Wanderung Hunger bekommst, so stellst du ihn vor dich hin und sprichst: ›Tischchen, deck dich.‹ Mehr musst du nicht tun, um zufrieden und erfolgreich zu werden.“ Und hierbei zwinkerte der Meister seinem Schüler verschwörerisch zu und wollte nicht mehr dazu sagen.

So nahm der junge Mann dann das sonderbare Geschenk an, bedankte sich bei seinem Lehrmeister und machte sich auf den Weg.

Wieder wanderte er durch das Land und gegen Abend, wie er durstig, hungrig und müde war, gelangte er an ein Wirtshaus. Darin ging es lustig zu. Aus einem der geöffneten Fenster waren Gelächter und Gespräche zu hören und der Duft von Gebratenem und Gesottenem drangen verlockend zu ihm hinaus. Obwohl der junge Mann nicht viel Erspartes hatte, beschloss er hier zu rasten und kaum hatte er die Wirtsstube betreten, kam ihm auch schon der Wirt daselbst entgegen und erkundigte sich nach seinen Wünschen.

„Ein Zimmer für die Nacht“, sagte der junge Mann und blickte sich in der vollgepackten Stube um.

„Sehr gern, sehr gern“, antwortete der Wirt. „Darf es sonst noch etwas sein? Vielleicht noch etwas zu essen? Wir haben Bier, einen guten Braten und meine Frau macht den besten Apfelkuchen weit und breit.“

Dem jungen Mann, der wusste, wie mager sein Erspartes war, wurde schwer ums Herz, wie er da inmitten der gut gedeckten Tische und Verlockungen stand und er musste sich eingestehen, dass es für beides, Apfelkuchen und ein Zimmer für die Nacht, nicht reichen würde. „Nun denn, dann muss heute Schmalhans Küchenmeister bei mir sein“, murmelte er bereits zu sich selbst, als ihm das Tischchen unter seinem Arm und der Rat seines Meisters einfielen, worauf er leichteren Herzens und an den Wirt gewandt sprach: „Nein, guter Herr, habt Dank, doch für mich nur das Zimmer.“

„Wie ihr meint“, brummte der Wirt und führte seinen Gast die Treppe zum oberen Stock hinauf. Wie sie so die Stufen hinaufstiegen, erkundigte sich der Wirt leutselig, woher der junge Mann käme und wohin er wolle. Der junge Mann, der den ganzen Tag keine Menschenseele getroffen hatte, war recht in Gesprächslaune, weswegen er ihm erzählte, wie sein Vater ihn vor Jahren der Ziege wegen aus dem Haus gejagt hatte, dass er inzwischen Schneider geworden und nun auf dem Rückweg sei. Dass er sich mit seinem Vater versöhnen wolle. Mit der Ziege hingegen, die ihm einst übel mitgespielt hatte, nun, mit der vielleicht nicht, doch was noch nicht sei, könne sicher noch werden.

Der Wirt lachte verständnisvoll und als sie so lustig plaudernd oben angekommen waren, öffnete er gleich die erste Tür und wies ihm da das Zimmer an. Der junge Mann bedankte sich, erklärte dem Wirt auf Nachfrage, dass er sich wirklich sicher sei, kein Abendessen zu wollen, wünschte ihm einen guten Abend und schloss, kaum dass der Wirt gegangen war, hinter diesem die Tür. Dann stellte er das Tischchen vor sich mitten in das Zimmer und sprach: „Wie war das gleich? Wenn ich hungrig bin, so stelle ich das Tischchen hin und sag das Sprüchlein? Nun denn, wohlan, tue dein Werk, Tisch. Tischlein deck dich!“

Kaum hatte er das Sprüchlein gesagt, da geschahen zwei Dinge:

Unten in der Wirtsstube ertönte ein markerschütternder Schrei.

Vor ihm auf dem Tisch, entfaltete sich, wie von Geisterhand, ein weißes Tuch. Darauf kam silbernes Besteck. Ein Humpen voll schäumenden Bieres erschien und plötzlich standen Schüsseln und Teller vor ihm. Ein dampfender Braten war da. Daneben stand frisches Brot und zum Nachtisch: ein Teller voller feiner Eierkuchen, deren süßer Duft seine Nase kitzelte.

Für einen Moment sprachlos starrte der junge Schneider auf die Pracht, unsicher woher die Speisen so aus dem Nichts gekommen waren. Dann aber knurrte sein Magen und er lachte: „Ei Meister! Ihr habt wahrhaft nicht zu viel versprochen!“ Worauf er nach Messer und Gabel griff und sich hungrig auf die Speisen stürzte, es sich schmecken zu lassen.

Unten in der Gaststube hingegen wurde es derweil laut. Stühle wurden gerückt, aufgeregte Stimmen drangen durch die Dielen zu ihm herauf.

Doch der Schneider hörte es kaum, so sehr war er mit den Köstlichkeiten vor ihm beschäftigt. Er labte sich an dem Braten, nahm zwischendrin immer wieder einen kräftigen Schluck des vorzüglichen Bieres und wie er das Fleisch verzehrt hatte, griff er nach dem Brot. Davon wollte er sich gerade ein Stück abbrechen und damit die Sauce, welche noch vom Braten übrig war, aufnehmen, als der Lärm unten aus der Wirtsstube zu ihm drang.

Und was für ein Lärm das war! Es schien ihm, als seien wirklich alle Gäste und Bediensteten des Hauses auf den Beinen. Von überallher hörte er rufen: “Herr Bürgermeister! Herr Bürgermeister! Wo seid ihr?“

Im Haus war es, als würden Schränke und Truhen gerückt, geöffnet. Beständig knallten Türen. Leute liefen die Treppen hinauf und hinab, riefen, als wenn er in einem Tollhaus abgestiegen sei.

Einen Moment lang, überlegte er, ob er nicht fragen sollte, was da vor sich ging, doch dann fiel sein Blick auf die verlockenden Eierkuchen und das Brot und er beschloss, dass ihn die Aufregung nichts anginge.

Beherzt fuhr er mit dem Stück Brot durch die Bratensauce, steckte es in seinen Mund und … biss auf etwas Hartes.

Überrascht spuckte er das Stück wieder aus. Als er es an die Kerze hielt, die im Zimmer stand, da sah er in dem Lichte etwas golden glänzen, zog es rasch heraus und bemerkte, dass es ein schwerer goldener Siegelring war.

Verwundert drehte der junge Schneider das Schmuckstück zwischen den Fingern. Wie um alles in der Welt war ein goldener Ring in sein Brot geraten?, fragte er sich, legte den Ring beiseite und untersuchte nun das Brot. Er besah sich die Kruste, brach es weiter auseinander und zerlegte es in tausend kleine Stücke. Er fand jedoch nichts weiter Ungewöhnliches daran.

Da drang von unten die Stimme des Wirts zu ihm hinauf: „Habt ihr ihn finden können? Das kann es doch nicht geben! Niemals würde der Bürgermeister gehen und seinen Mantel, den Hut und noch dazu die Börse hier liegen lassen!“

Der junge Schneider horchte auf und ohne zu wissen warum und es beschlich ihn ein ungutes Gefühl. 

Mit einem Mal lagen ihm Braten, Bier und das Brot schwer im Magen. Seine Lust auf Eierkuchen hatte sich verflüchtigt. Voller Sorge lauschte er auf das Rufen und Suchen. Das hielt an, bis es schon auf Mitternacht zuging. Erst dann verließen die Gäste nach und nach die Wirtsstube. Der Wirt verschloss die Fenster und dann die Tür und endlich kehrte Ruhe ein.

Nun legte sich auch der junge Mann nieder.

Der Schlaf aber wollte ihn nicht finden.

Immer wieder wälzte er sich von einer Seite auf die andere. Immer wieder fiel sein Blick auf das Tischchen und den goldenen Ring daneben und immer wieder stellte er sich die Frage nach der Herkunft des Essens und des Ringes.

Schließlich erinnerte er sich an seinen Meister und an das verschwörerische Zwinkern, mit dem dieser ihm das Tischchen übergeben hatte und irgendetwas daran wollte ihm nicht gefallen.

Am nächsten Morgen stand er früh auf. Er nahm den Ring, steckte ihn in sein Bündel. Er klemmte sich das Tischchen unter den Arm und schlich die Treppen hinunter und eben hatte er die Gaststube betreten, da ertönte eine Stimme: „So früh schon auf den Beinen?“ Erschrocken fuhr er herum und sah den Wirt hinter dem Schanktisch stehen. Auch der sah aus, als habe er in der Nacht wenig Schlaf finden können.

„Ja“, stieß der junge Mann atemlos hervor und dann, als er sich gefangen hatte, meinte er: „Das Wetter. Es scheint mir gut zu werden. Ideal, für einen, der noch einen langen Weg vor sich hat. Daher, guter Mann, würdet ihr mir die Rechnung fertig machen, dass ich aufbrechen kann?“

„Gewiss“ meinte der Wirt. „Ein Zimmer für eine Nacht, ohne Abendessen. Das macht drei Gulden.“

Der junge Mann fuhr zusammen, als er das Wort „Abendessen“ hörte. Dennoch beeilte er sich, griff in sein Bündel, die Münzen hervorzuholen, die er dem Wirt schuldete, da landete etwas mit einem hellen Klirren auf dem Schanktisch direkt vor dem Wirt.

„Ei, was habt Ihr denn da verloren?“ Der Wirt hob das Ding auf. Es war der Ring. Einen Augenblick lang betrachtete der Wirt ihn von allen Seiten, dann zog er verwundert die Brauen zusammen, ehe er sagte: „Seltsam. Unser Bürgermeister trägt einen Ring, der gleicht diesem wie ein Ei dem anderen.“

Dem jungen Mann wich das Blut aus dem Gesicht, fast glaubte er der Schlag möge ihn treffen, dennoch zählte er dem Wirt rasch das Geld auf den Tresen und sprach: „Mag wohl sein, doch diesen hier habe ich als Vermächtnis meines Meisters bekommen.“ Dann griff er sich den Ring, stopfte ihn zurück in seinen Beutel und sprach: „So wären wir wohl quitt. Gehabt euch wohl.“ Und er ließ den Wirt stehen und lief, so eilig er es sich erlauben konnte, nach der Tür. Ja, fast war er schon halb hinaus, da hörte er den Wirt noch sagen: „Gute Wanderung. Und grüßt euren Vater von mir. Und die Ziege.“

Der junge Mann hielt inne. Dann sah er auf das Tischchen unter seinem Arm und ein feines Lächeln schlich sich in sein Gesicht: „Oh ja“, sagte er. „Die Ziege.“

Und damit trat er hinaus und zog seines Weges.

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Von Märchen, Paketboten und unheimlichen Waldhütten – die KITeraten lesen Alltagshorror