Sommernacht im Holzhaus

Es war wieder einer dieser Sommer. Wie immer hatte ihre Familie sie für die Sommerferien im Holzhaus der Großeltern abgeladen. Die ersten Wochen hatte Jenny mit ihren Cousinen Nessa und Frauke dort verbracht. Nacht für Nacht hatten sie zu dritt in dem kleinen Zimmer auf dem Dachboden geschlafen. Nacht für Nacht hatte es Ärger gegeben, weil Frauke, statt zu schlafen, es vorzog zu quatschen und Nacht für Nacht hatten sie und Nessa überlegt, wie es wäre, wenn sie ihr einfach den Mund zukleben würden. Ein großes Pflaster nehmen und zack! Es wäre Ruhe! Endlich.

Doch heute Nacht war es anders.

Nessa und Frauke waren bereits heimgefahren. Ihre Ferien waren vorbei und während sie noch einen Aufstand machten und am liebsten für immer Holzhaus geblieben wären, hätte Jenny gern mit ihnen getauscht. Lieber wollte sie auch keine Sommerferien mehr haben, sondern schon zurück in die Schule gehen, statt ganz allein hier blieben zu müssen. Und überhaupt: Hauptsache raus hier!

Raus aus dem Wald, der schwarz und schweigend vor ihrem Fenster stand, wie eine Ansammlung Riesensoldaten. Alle im Spalier. Sich verneigend, wenn gelegentlich eine leise Windböe hindurchfuhr, aber sonst stumm dastehend, dass Haus anstarrend, als wenn sie böse auf es wären.

Ja, Jenny kannte den Wald vor ihrem Fenster und sie kannte das Wispern und Rauschen der Bäume, das Platschen, wenn im See unweit des Hauses ein Fisch sprang. Sie kannte das Haus vom kleinsten Nagel, bis zum Wurmloch in den Balken und der Vertäfelung. Sein Knarzen und Knacken, wenn die Hitze des Tages der Nachtkühle wich. Sie kannte den Ruf des Käuzchens in den stillen Nächten. Sommer für Sommer war es immer der gleiche langweilige Routine, die gleiche Einsamkeit, der gleiche An- und Ausblick, immer die gleiche Geräuschkulisse gewesen, deshalb wusste sie auch das etwas Unbekanntes sie geweckt haben musste.

Reglos lag sie im Bett. Die Augen in der Dunkelheit geöffnet, lauschte sie angestrengt. Durch das geöffnete Fenster, etwa zwei Schritte von ihr entfernt, drang kühle Nachtluft in das immer noch stickige Zimmer. Nur ein Fliegengitter trennte den Wald, die Welt draußen, von ihr im Zimmer. Sonst war da nichts.

Wie jeden Sommer, dachte sie, wollte die Augen gerade wieder schließen, da flatterte draußen etwas hektisch auf.

Erschrocken hielt Jenny die Luft an.

Dann ertönte ein Zwitschern.

Ein Vogel. Nur ein Vogel.

Jenny wollte Aufatmen, sich beruhigt zurück in das Kissen kuscheln und schlafen, als sie es hörte.

Krrt.

Das Geräusch war so leise, dass sie zuerst glaubte, sie hätte es sich eingebildet.

Dann kam es wieder.

Krrrt.

Langsam. Stockend. Trocken.

Als würde draußen jemand mit Fingernägeln über Holz kratzen.

Nein, nicht über x beliebiges Holz. Über IHR hölzernes Fensterbrett. Das vor dem offenen Fenster. Das, welches  nur mit dem Setzrahmen und Moskitonetz gesichert war.

Die Erkenntnis ließ es Jenny kalt den Rücken runter laufen.

Krrt!

Jenny lag jetzt stocksteif im Bett. Die Augen aufgerissen starrte sie an die Decke. Ihr Herz raste. Ihre Gedanken auch.

Das Geräusch klang lauter, noch näher, wütender? Wie wenn etwas von draußen nach drinnen hineinwollte.

Was war das?

Ein Tier?

Ein Marder? Áuf Höhe des Dachbodens?

Jenny verschluckte sich vor Schreck an ihrem eigenen Atemzug, Dann nahm sie ihren Mut zusammen. Millimeter für Millimeter drehte sie den Kopf in Richtung Fenster, strengte sich an, die Bäume zu sehen, die vor ihrem Fenster wachten. Jahr für Jahr. Die Sterne im Nachthimmel, die zwischen ihren Wipfeln hindurchzwinkerten.

Doch da war nichts.

Kein Baum, kein Wipfel, kein Ast. Kein Stückchen Nachthimmel, kein Stern, keine Wolke. Nur Dunkelheit.

Krrt!

Scheiße!

Mit einem Mal hörte sie die Stimme des Nachrichtensprechers der 19 Uhr Nachrichten: „Aktuell fahndet die Polizei nach einem 44-jährigen Strafgefangenen. Der wegen räuberischer Erpressung und Totschlags zu 8 Jahren Haft verurteilte Mann nutzte eine begleitete Ausführung am Mittwochnachmittag zur Flucht. Die Ermittler warnen davor …“

Oh Gott!

Was wenn …? Wäre das möglich? Konnte ein Mensch …? Wie dick waren die Bäume vor dem Fenster überhaupt? Stabil genug für einen Marder? Auf jeden Fall! Und für einen Menschen?

Weg hier!

Sie musste sofort weg hier. Hilfe holen!

Aber wen?

Ihre Großeltern!

Die schliefen unten im Haus.

Wenn sie dorthin wollte, musste die Leiter runter.

Und wenn sie zur Leiter wollte, musste sie aus dem Zimmer raus.

Um das Zimmer zu verlassen, musste sie … an dem Fenster vorbei.

Jenny maß den Abstand zwischen Fenster und Wand mit einem raschen Blick. Kaum eine Armbreite Platz.

Wenn dort draußen tatsächlich jemand saß, dann …

Keine Lösung.

Dann vielleicht rufen?

Ja, sie könnte nach ihrem Großeltern rufen!

Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da hätte sie beinahe hysterisch aufgelacht.

Ihre Großeltern waren beide stocktaub. Keine Chance so jemanden zu erreichen. Absolut keine.

Nein, sie saß fest.

Jennys Atem ging jetzt stoßweise.

Ihr brach der kalte Schweiß aus, als wieder das Scharren erklang.

Hektisch sah sie sich um.

Vielleicht …

Vielleicht gab es etwas im Zimmer, dass sie als Waffe verwenden könnte?

Die Umrisse der kleine Kommode, dem Bett ihrer Schwester schälten sich aus der Dunkelheit. Das Kopfkissen, bestickt mit einem großen Teddybär. Die bunte Kinderdecke.

Nutzlos.

Auf dem Board an der Wand stand jede Menge Krimskams.

Ebenso nutzlos.

Dann entdeckte sie das Märchenbuch neben sich auf dem Bett.

Ein dicker Wälzer, gebaut für Kinderhände und entsprechend unverwüstlich: fester Einband, schweres Papier, unzählige Märchen und Bilder.  Lag schwer in der Hand, wie ein Backstein.

Nun ja.

Eine Schrotflinte war es nicht. Aber es war auch nicht nichts. Und Wissen schlug bekanntlich alles.

Wild entschlossen griff Jenny das Buch. Den Rücken gegen die Wand gepresst, die Arme erhoben, hielt sie das schwere Märchenbuch über dem Kopf. Bereit, es mit aller Kraft auf das Erste niederzuschmettern, das durch ihr Fenster kam, so saß sie da.

Ihr Herz raste. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn und lief ihr kalt den Rücken hinunter. Ihre Finger umklammerten den Einband so fest, dass die Knöchel schmerzten.

Und sie wartete.

Auf das nächste Scharren.

Auf eine Hand.

Ein Gesicht.

Einen Kopf.

Einen Körper, der sich durch das Fenster schieben wollte.

Irgendetwas.

Jenny wartete.

Fünf Minuten.

Zehn?

Es fühlte sich an wie Stunden.

Sie spürte ihren Atem. Viel zu hektisch, stoßweise. Hörte das Pochen ihres Herzens, das in ihren Ohren rauschte. Fühlte, wie der Schweiß ihren Griff um das Buch glitschig machte.

Die Arme begannen zu schmerzen. Erst die Schultern, dann die Oberarme. Das Märchenbuch wurde mit jeder Minute schwerer. Schließlich begannen ihre Hände zu zittern.

Ganz langsam ließ Jenny die Arme sinken und ihr Blick fiel auf die Lampe neben dem Bett.

Konnte sie es riskieren Licht zu machen, um nachzuschauen, was los war?

Wie lang war es her, dass sie das Scharren, das Kratzen zuletzt gehört hatte?

Vielleicht war was auch immer da gewesen war fort?

Oder wartete es nur darauf, dass sie Licht machte, um sie dann anzuspringen?

Jenny beugte sich langsam nach vorn, streckte eine Hand aus, berührte das Kabel, verharrte, blickte hinüber zu dem Fenster, lauschte in die Dunkelheit.

Nichts.

Ihre Fingerspitzen kletterten das Kabel entlang, erreichten den Lichtschalter.

Jenny schluckte.

Drückte.

Klick.

Licht flammte auf.

Jenny riss das Buch wieder hoch, ihr Herz machte einen Satz. Ihr Blick raste durch das Zimmer, flog über das Kinderbett, die Kommode, einen Stuhl. Das Board an der Wand. Ihre unordentlichen Kleider, die vor dem Bett auf dem Boden lagen, die holzvertäfelten Dachschrägen, die Zimmertür.

Alles da wo es sein sollte.

Nichts, was nicht hierhergehörte.

Jenny fuhr zum Fenster herum. Auch dort war nichts.

Kein Gesicht vor dem Fliegengitter. Keine Hand am Rahmen. Kein Tier auf dem Fensterbrett.

Das Zimmer war … einfach nur ihr Zimmer.

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Tischlein deck dich!