Eingeschobenes
Ein Textschnipsel aus der Schreibwerkstatt.
Diesmal mit einem sehr ernsten, sehr schweren Thema, dass so eigentlich nicht vorgesehen war, denn es ging ursprünglich um Fußballbilder. Bilder von Stadien, von Spielern, von Fahnen, Fankurven … ach, was solls, ich lass euch den Text da. Lasst ihn auf euch wirken.
„Wo haben Sie das gefunden?“
Die Stimme meines Gegenüber bricht. Mit zitternden Fingern hob sie den Deckel des Kästchens an, um dann, ganz vorsichtig, nur mit einem Finger, die darin enthaltenen „Schätze“ hin- und herzuschieben, bis sie an den drei Bildern der Fußballer hängen blieb.
„Fußball“, sagte sie, die Bilder herausnehmend und in den Händen hin- und herwendend, die Beschriftung auf der Rückseite der Fotos lesend. „Fußball hat er bis zum Ende geliebt. Er hat kein Spiel versäumt. Nicht eins.“ Sie schluckte. „Ich glaube, wenn sie ihn gelassen hätten, er wäre gern Profi geworden, aber dann …“
Sie sprach es nicht aus. Das Unbeschreibliche wurde nur in einen schweren Seufzer verpackt. So viel Kummer, so viel Schmerz, Verlust, die schwer in dem Laut mitschwangen und in der Kaffeehausluft hingen, auf uns niederdrückten, schwer, mahnend.
„Ich habe es auf dem Dachboden gefunden. In einem der Reisekoffer. Die von denen ich Ihnen erzählt habe?“
Sie nickte. „Von Ihren Großeltern?“
„Ja.“
„Der Name war noch gleich?“
Ich nannte den Namen und die Adresse, die Stadt in der sich das nun verlassene Haus meiner Großeltern befand. Das Haus, dass wir vor Kurzem übernommen hatten.
„Das war bereits ihre sechste Station.“ Die Stimme klang hohl. „Sie sind … sie haben versucht dem zu entkommen, sind immer wieder los, wissen sie, haben die Quartiere gewechselt, von einem ins andere. Manchmal mit Hilfe, manchmal aber …“
Manchmal aber auch nicht, vervollständige ich den Satz im Stillen.
War das Haus meiner Großeltern so ein Quartier mit Hilfe?, möchte ich fast fragen. Doch dann drängt sich mir die Erinnerung an die noch gepackten Reisekoffer auf. Kleidung für Erwachsene und zwei Kinder. Eins davon kaum dem Babyalter entwachsen. Schuhe. Schmuck. Fotos. Auch Schätze wie eine Puppe mit abgeliebtem Gesicht. Und diese Kiste. Ein paar Initialen und die ungelenk in das Holz geritzte Aufschrift: „Privat“ darauf. Darin: der Stolz eines jeden Jungen. Gut transportierbare Schätze. Ein Modellauto. 3 schöne Glasmurmeln, die Großen. Ein zweigeteiltes Stück Ast, ein brüchiges Stück Gummieschnur. 3 Sammelbilder bekannter englischer Fußballer. Der Spieler des Gentlemangames played by ruffians. Oder war es umgekehrt? Dazu ein sorgfältig gefalteter Brief. Mit Schreibmaschine geschrieben. Offiziellers Wasserzeichen, offizieller Briefkopf. Aktenzeichen. Jeder Satz im Textbock wie ein Schuss. Ein behördliches Todesurteil. Für einen was? Zehnjährigen?
Wenn er nicht einmal seine Schätze mitgenommen hat, flüstert es in mir, dann kann das Haus nicht sicher gewesen sein. Dann war es ein Quartier ohne Hilfe.
Die Erkenntnis lässt mich schwer schlucken.
„… von dort aus in die Niederlande und da konnten sie endlich nach England übersetzen …“ dringt die Stimme meines Gegenüber an mein Ohr.