Die Seelen der Nacht - Zwischen Herbstzauber und Fantasy-Klischees
Leute, es wird wieder Herbst und Herbst ist bei den meisten von uns was?
Genau, Auftakt zur Lesezeit.
Während es draußen immer schneller dunkler wird und noch kein Weihnachtsmarkt geöffnet ist und mit Glühwein lockt, hat man ja gewissermaßen keine andere Möglichkeit, als mal wieder ein Buch von dem Stapel neben dem Bett, dem Sofa, auf dem Nachttisch, in der besonderen Sektion des Bücherschranks oder Bibliothek, wenn ihr so vermögend seid, dass ihr euch eine leisten könnt, zu nehmen und auch zu lesen. Ich bin da keine Ausnahme. Auch ich habe den obligatorisch stiefkindoich behandelten Stapel neben meinem Sofa und auch ich raffe mich im Herbst dazu auf, mir das eine oder andere Buch zu Gemüte zu führen. Shcließlich heißt es doch immer: jemand, der ein guter Schriftsteller sein möchte, muss zu allererst auch mal lesen.
Nun, dem Ratschlag bin ich in der letzten Woche nachgekommen und habe mich, anfangs noch gespannt, zum Ende hin eher pflichtbewusst, in „Die Seelen der Nacht“ von vertieft und möchte hier kurz teilen, was ich von diesem Leseerlebnis halte.
Zur Info vorab: Ich weiß, es ist eine Serie, aber nein, ich werde mir die restlichen Bände nicht kaufen. Und ja, es wird hier Spoiler geben. Wenn ihr das Buch noch nicht gelesen habt, dann seid ihr hiermit gewarnt.
Vorweg ersteinmal etwas Positives: Das Buch schafft es die Herbstsaison, die Gerüche, die Farben und den Geschmack (?), die Stimmung sehr gut einzufangen. Geschmack bin ich mir nicht sicher, weil ich in meinem ganzen Leben noch keinen Pumpkin Spice Latte getrunken habe, aber ich bin sicher, wenn ich mal einen getrunken hätte, er hätte so geschmeckt wie ich mir das nach dem Lesen des Buches vorstelle. Ansonsten, wenn jemand Herbst 2.0, besser als die Realität erfahren möchte, die nebelverhangenen Morgende ohne die Kälte und Nässe, das bunte Laub, ohne sich danach großflächig abbürsten zu müssen oder sich im örtlichen Park mit allen anderen Stadteinwohnern zu stapeln, dann kann ich das Buch empfehlen. Es transportiert den Herbst so gut, man muss gar nicht mehr rausgehen. Was mir persönlich sehr entgegen kommt, weil spätestens wenn es draußen nasskalt wird, kann ich mich vor Schmerzen nicht mehr bewegen, aber das ist eine andere fiese Geschichte, die niemand hören will. Ansonsten: jap, eindeutig ein Herbstbuch. Wirklich sehr gut gelungen. Sehr sehr gut.
Jeztt zu den weniger gut gelungenen Dingen….
Wo fange ich an?
Also, um es mal vorsichtig auszudrücken: ich habe das Buch gelesen und es hat mich mit einer ganzen Reihe an Fragen zurück gelassen.
Zum Beispiel warum muss man alle möglichen magischen / übernatürlichen Charaktere / Figuren in ein Buch bringen nur weil man es kann?
Und warum sollten sich besagte Charaktere Sorgen darum machen, was passiert, wenn die Menschheit herausfindet, dass sie nicht allein im Universum, geschweige denn in Edinburgh ist?
Außerdem: verbotene Liebe? Nachdem alle möglichen magischen / übernatürlichen Charaktere genutzt wurden? Ernsthaft? Noch ein Klishee mehr anbringen? Das mag man als mutig bezeichnen, wirkt aber einfach nur …. Mir fehlen die Worte.
Also, fangen wir doch am besten ganz vorn an.
Handlung:
Wenn man das Buch liest kann man den Pumpkin Spice geradezu schmecken und wie ich es bereits oben gesagt habe, in dem Werk tummelt sich so ziemlich alles an übernatürlichen Kreaturen herum, was geht. Überhaupt, bereits nach den ersten Seiten hat man schnell den Eindruck, dass die Autorin beim Twillight Hype mitmachen wollte und dann kommen alle Klischees auf einen zu, die man sich denken kann.
Es gibt Vampire. Nicht nur einen, nein eine ganze Familie davon. Und natürlich ist sie, wie kann es anders sein, steinalt, steinreich und steingutausse … nur gut aussehend. Warum das so ist? Warum Vampire immer steinreich sein müssen, ich habe keine Ahnung. Das Konzept von man hat mehr Geld als man in einem unendlichen Leben ausgeben kann nur weil man seit Ewigkeiten auf unserem blauen Planeten hockt hat sich mir noch nie erschlossen. Schließlich geht eine lange Lebenszeit nicht automatisch mit einem Händchen für Finanzen einher, aber gut, was weiß ich… Fakt ist’: es sind Vampire und sie erfüllen so ziemlich alle Vorstellungen.
Und in genau so ein Mitglied dieser Familie verliebt sich unsere weibliche Prota nun.
Der Haken: Sie ist auch nicht Ottilie Normalverbraucherin. Auch wenn sie es gern wäre. Nein, sie ist eine Hexe. Aber, nicht erschrecken! Sie ist eine von den Guten, denn sie hat ihren Kräften abgeschworen. Dass sie sich gelegentlich selbständig machen, nun ja, wer kennts nicht. Wir haben Heißhungerattacken bei denen ganze Schokoladentafeln draufgehen, sie hat halt andere … Anwandlungen.
Nichts desto Trotz verkompliziert das die beginnende Liebe zwischen den zwei Figuren, denn, Klischee, natürlich ist seine Familie nicht begeistert von der Beziehung.
Noch weniger begeistert sind sie, als sie mitbekommen womit die Prota ihre Forschungszeit verbringt. Nämlich mit der Suche nach einem mysteriösen Manuskript von dem jeder in der Hexencommunity bereits gehört hat. Dennoch hat noch nie jemand es gesehen, weil irgendjemand das Buch verlegt aka sehr gut versteckt hat. Zumindest so lange bis unsere Protagonistin des Wegs kam. Sie musste nicht mehr tun als in die Bibliothek gehen, den Katalog einsehen und sich das gewünschte Buch bestellen. Zwei Tage später wurde es ihr von dem netten Bibliotheksmitarbeiter ausgehändigt.
Allerdings auch nur ein mal.
Danach war es wieder in den unendlichen Weiten der Bibliothek verschollen und unsere Hexe, die seitdem ein Dauergesprächsstoff in der Hexencommunity, der sie natürlich nicht angehören will, ist, befindet sich wieder auf der Suche nach diesem Buch.
Nicht etwa, weil sie die Kräfte des Buches nutzen will. Nein, sie will es haben weil sie einen Artikel über mittelalterliches Schriftgut schreibt. Alles ganz weltlich.
Leider muss sie bald feststellen, dass offenbar nicht nur sie oder aber die anderen Hexen von Edinburgh auf mittelalterliche Schriften stehen. Plötzlich entdecken alle übernatürlichen Wesen in Edinburgh ihre Liebe für das Lesen und für Manuskripte und sind hinter der Protagonistin her, da sie, aufgrund des einmaligen Kontakts mit dem Werk, geradezu danach riecht. Daher hängen von heute auf morgen nicht nur die übliche Menge an misstrauischen Hexen sondern eben auch besagter Vampir, aber auch einige Dämonen in ihrer Nähe ab und tun bewusst unschuldig und unauffällig. Denn ihre größte Sorge ist nicht etwa, dass die Protagonistin noch mal an das Buch herankommt und es vor ihnen lesen kann und dann alle spoilert. Noch viel größer ist ihre Sorge, sie könnten von den Menschen entdeckt werden. Warum das so ist, keine Ahnung. Für mich ist unklar, warum ein mir überlegenes Wesen Angst vor mir haben sollte, aber gut, Angst war noch nie rational und ich sagte bereits Eingangs, dass das Buch mich mit vielen Fragen zurückgelassen hat. Egal, für diese Rezension blenden wir das kurz aus und machen im Text weiter:
Von nun an, nachdem sie Kontakt mit “dem Manuskript” TM hatte wird unsere Protagonistin zur Gejagten und wer könnte ihr da besser helfen als ihr Vampirfreund? Immerhin hat der Gute jede Menge Geld, gute Verbindungen in die hohen Sphären der Politik, diverser Organisationen und nebenbei noch ein fettes Schloss in Frankreich in das er unsere Protagonistin mitnimmt. Gut, auf dem Schloss sitzt noch seine “Mutter” aka die zukünftige Schwiegermutter und ja, natürlich wäscht die ihrem Herzensjugen den Kopf, dass Beziehungen zwischen Vampiren und Hexen nie gut gehen, aber …. Aber unsere Protagonistin ist ja nicht irgendeine Durchschnittshexe. Nein, sie ist die Hexe aller Hexen und verfügt über eine ganze Reihe an Kräften, von denen sowohl sie als auch der Leser lange nichts wussten, zum einen da sie ja ihre Kräfte nie hat nutzen wollen, zum anderen da ihre Kräfte nach einem schrecklichen Vorfall in ihrer Kindheit blockiert worden waren. Von wem, daran kann sie sich nicht mehr erinnern, doch das spielt auch keine Rolle mehr, denn die Kräfte suchen ihren Weg und brechen nach und nach hervor. Plötzlich lässt sie nicht mehr nur Dinge von Regalen schweben an die sie normalerweise nicht herankäme. Nun kann sie auch noch Feuer schießen, Wasserwellen auftauchen lassen und in der Zeit reisen.
Warum in der Zeit? Ehrlich gesagt ich habe null Ahnung, aber es ist praktisch, denn so schafft sie es das verlegt … verschollene Manuskript in der Vergangenheit ausfindig zu machen und es an sich zu nehmen, ehe es verlegt , ich meine verschlossen geht.
Und weil das noch nicht reicht, trifft sie in der Vergangenheit auch noch auf ihren viel geliebten und viel zu früh verstorbenen Vater, löst gleichzeitig noch das Rätsel um den Tod ihrer Eltern, um sich dann mit ihrem eiskalten Vampirfreund endgültig in die Vergangenheit aufzumachen um herauszufinden, was es mit dem Inhalt des Manuskripts und der Entstehung der Vampire, Hexen, Dämonen auf sich hat.
Joa… ganz schön dicht gewebt. Vorallem an Klishees und Dingen, die einen nur mit jeder Menge Fragen im Kopf zurücklassen.
Mein Fazit nach dem Lesen?
„Die Seelen der Nacht“ ist ein Buch, das genau weiß, welche Atmosphäre es erzeugen möchte. Nebel, bunte Blätter, gemütliche Cafés, alte Bibliotheken und Pumpkin-Spice-Latte-Romantik tropfen praktisch von jeder Seite. Wer auf der Suche nach einem Buch ist, das Herbststimmung in konzentrierter Form liefert, wird hier vermutlich fündig werden.
Leider reicht Atmosphäre allein für mich nicht aus. Hinter der hübschen Fassade versteckt sich eine Geschichte, die sich großzügig bei bekannten Fantasy- und Romantasy-Klischees bedient, ohne ihnen etwas wirklich Neues hinzuzufügen. Vampire, Hexen, verbotene Liebe, uralte Familiengeheimnisse, die außergewöhnlich begabte Prota und eine Welt, deren Regeln oft mehr unlogisch als logisch sind - all das habe ich bereits häufiger gelesen und es hat mich immer mit jeder Menge Fragen zurückgelassen. Fragen und Logiklücken, die mich dann um so mehr stören, da das Buch entweder keine oder nur wenig befriedigende Antworten liefert. Warum mächtige übernatürliche Wesen solche Angst davor haben sollen, von Menschen entdeckt zu werden, erschloss sich mir ebenso wenig wie manche Entscheidungen der Figuren. Statt Spannung erzeugte das bei mir vor allem Stirnrunzeln.
Deshalb bleibt für mich am Ende ein zwiespältiger Eindruck zurück: Als Herbstbuch funktioniert „Die Seelen der Nacht“ erstaunlich gut. Als Fantasyroman mit glaubwürdiger Welt und interessanten Figuren hingegen deutlich weniger. Wer vor allem Atmosphäre sucht, könnte hier glücklich werden. Wer Wert auf originelle Ideen, nachvollziehbare Motive und eine in sich schlüssige Handlung legt, sollte vielleicht lieber zu einem anderen Buch greifen.
Für mich wird es jedenfalls bei diesem einen Band bleiben.
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